Mehr Entwaldung in Amazonien
Brasilien: Abholzung von Regenwald im Amazonas steigt wieder an
Brasilien Magazin, 15.10.09
Die Abholzung des amazonischen Regenwaldes in Brasilien gewinnt
wieder an Fahrt. Erstmalig seit fast einem Jahr verzeichnete das
Institut Imazon eine Steigerung der gerodeten Flächen im
Amazonas. Am stärksten betroffen ist der Bundesstaat
Pará. Über 200 Quadratkilometer des undurchdringlichen
Waldgebietes wurden hier alleine im August zerstört.
11 Monate konnten die Wissenschaftler vom Institut für Mensch
und Umwelt in Amazonien (Imazon) einen stetigen Rückgang der
Abholzung in Amazonien in Brasilien verzeichnen, der Grund für
Hoffnung gab. Doch seit Juli steigen die Zahlen wieder sprunghaft
an. Dies ergab die Analyse von Satellitenaufnahmen, die von der
brasilianischen Weltraumbehörde Inpa bereitgestellt und
gemeinsam mit der Naturschutzbehörde Ibama ausgewertet
werden.
Der August ist damit der zweite Monat in Folge, an der eine
Erhöhung der Abholzung zu verzeichnen ist. Im August dieses
Jahres wurden im Amazonasgebiet 273 Quadratkilometer gerodet
– soviel wie seit fast einem Jahr nicht mehr. Gegenüber
August 2008, wo “nur” 102 Quadratkilometer
Motorsäge und Feuer zum Opfer fielen, beträgt die
Erhöhung satte 167 Prozent. Im Juli 2009 wurde die gigantische
Zahl von 532 Quadratkilometern ermittelt, fast soviel wie im
Vorjahreszeitraum.
Doch wie immer mahnen die Experten zur Vorsicht. Die Zahlen stellen
keinesfalls eine umfassende Bilanz dar, denn der Raubbau an der
Natur wurde wie in den vergangenen Monaten an verschiedenen Stellen
von Wolken verdeckt. 46 Prozent der Flächen konnten demnach
auf den im August erstellen Satellitenfotos überhaupt nicht
untersucht werden.
Eines steht jedoch fest: am stärksten betroffen ist abermals
der Bundesstaat Pará. 76 Prozent sämtlich ermittelter
Abholzung fand dort statt. Hier wird vor allem für die
Rinderzucht gerodet, liegen die Gebiete doch im Einzugsbereich
zweier grosser Nationalstrassen mit Verbindungen in den Süden
Brasiliens. Den Viehzüchtern drohen zwar empfindliche Strafen
und die Beschlagnahmung ihrer illegalen Rinder, doch nach der
Abholzung sind die Flächen faktisch für immer
zerstört. Und auch wenn sich die brasilianische
Fleischindustrie mittlerweile freiwillig verpflichtet hat,
keinerlei Ware von illegalen Weideflächen abzunehmen, die
Auswirkungen sind noch lange nicht spürbar.
Da die Farmer immer tiefer in den amazonischen Regenwald
vordringen, beschränken sie sich natürlich auch nicht auf
eigene Flächen. Auch Indianerschutzgebiete und Nationalparks
werden durch den Einsatz modernster Technik und Brandrodung ihrer
unvergleichlichen Biodiversität beraubt. Im Gebiet
“Triunfo do Xingu” waren dies im August 18,7
Quadratkilometer, im Nationalpark “Jamanxin” immerhin
noch 4,2 Quadratkilometer.
Für den Leiter der Untersuchungen im Imazon-Institut,
Adalberto Veríssimo, ist das Vordringen der Viehzüchter
in Schutzgebiete Teil eines Planes. “Die Abholzungen sind als
Druckmittel zur Reduzierung der Schutzgebiete zu verstehen”
zeigt er sich überzeugt und verweist auf ein Beispiel aus dem
Juni dieses Jahres. Damals hatte der brasilianische Umweltminister
Carlos Minc einem Antrag des Bundesstaates Rondônia
zunächst stattgegeben, einen Teil eines staatlichen
Nationalparks gegen angebliche Schutzgebiete des Bundesstaates
einzutauschen, in denen unter anderem bereits ein Wasserkraftwerk
errichtet wurden. In dem bislang staatlich geschützten Gebiet
leben jedoch tausende Familien, die den dort bereits zu einem
Viertel abgeholzten Regenwald nun weiter zerstören
könnten. Der Nationalkongress muss über den Vorgang
jedoch noch entscheiden.
“Durch den Beginn der Verhandlungen zum Umgestaltung der
Grenzen, wurden die neuen Spielregeln akzeptiert” beklagt
Veríssimo. Seiner Meinung nach geht es bei den in
jüngster Zeit zerstörten Flächen in dem Gebiet weder
um Tropenholz noch um Viehwirtschaft. Es sei einfach “ein
Spiel des Abfackelns”.