Mehr Wälder?
Und der Wald hat doch noch eine Zukunft
Neue Studien liefern Ergebnisse, mit denen wohl
niemand mehr gerechnet hätte: In der Sahara, Südamerika
und den Alpen erobern wieder Bäume das Land. Gründe sind
der Klimawandel, Aufforstung und ein nachhaltiger Umgang mit der
Natur. Dennoch sind sich die Experten nicht einig, was genau Wald
eigentlich ist.
Von Michael Miersch, DIE WELT, 7. September 2009
Im Jahr 2007 stand ein Buch des amerikanischen Journalisten Alan
Weisman auf den Bestsellerlisten: „Die Welt ohne
Menschen“. Weismann beschreibt darin ein Gedankenspiel: Was
würde auf der Welt geschehen, wäre die Menschheit
plötzlich verschwunden? Einer der Effekte wäre das
Vorrücken der Wälder auf die verwaisten Felder und Weiden
und in die Städte.
Weismans Vision könnte Wirklichkeit werden, auch ohne dass der
Mensch von der Bildfläche verschwindet. Aus den
verschiedensten Gebieten der Welt berichten Forstleute, Botaniker
und Ökologen, dass die Wälder sich ausdehnen. Wird der
Globus grüner?
Erdgeschichtlich hat es solche Waldwachstumsphasen immer wieder
gegeben. Angetrieben durch den ewigen Wandel des Klimas, wechselte
jeder Quadratmeter des Planeten bereits mehrfach seine
Vegetationsdecke. Im Kampf zwischen Grasland und Wald, Wüsten
und Gletschern gab es nie einen endgültigen Sieg. Auf dem
Höhepunkt der letzten Eiszeit war beispielsweise der tropische
Regenwald Südamerikas auf winzige Flecken
zusammengeschrumpft.
Doch im Gegensatz zu vergangenen Jahrtausenden spielt heute der
Mensch in der ersten Liga der Geoformer mit. Waren es früher
der Klimawandel und die großen Wildtierherden, die
Wälder und Grasland veränderten, so sind es heute
zusätzlich Feuer, Bulldozer, Axt und Kettensäge.
Besonders in den Tropen schrumpfen seit Jahrzehnten die
Wälder, weil die Landwirtschaftsfläche immer weiter
ausgedehnt wird und die Menschen mangels Öl, Gas und
Elektrizität auf Feuerholz zum Kochen angewiesen sind.
Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation
der Vereinten Nationen, FAO, werden noch 30 Prozent der
Landfläche der Erde von Wald bedeckt, das sind etwa 40
Millionen Quadratkilometer. Würde man den Wald
gleichmäßig verteilen, besäße jeder Mensch
6200 Quadratmeter, dies entspricht etwa 515 Bäumen.
Die Entwaldungsrate ist laut dem letzten FAO-Statusbericht nach wie
vor erschreckend hoch, wenn auch etwas geringer als in den
90er-Jahren. Zwischen 2000 und 2005 gingen 73.000 Quadratkilometer
Wald verloren, mehr als die Fläche Bayerns. Der Raubbau findet
hauptsächlich in den tropischen Entwicklungsländern
statt, während im Norden die Waldfläche zunimmt. In
Kanada, den USA, Europa und Russland werden weniger Bäume
gefällt als nachwachsen. Auch die gewaltigen
Aufforstungsprogramme Chinas verschönern die globale
Statistik. Anders in den Tropen. Allein die indonesische Insel
Sumatra verlor zwischen 1985 bis 2007 die Hälfte ihrer
Waldfläche und damit Lebensraum von Orang-Utans, Tigern und
Sumatranashörnern. Der Regenwald musste Plantagen weichen,
hauptsächlich für Ölpalmen, deren Öl als
angeblich klimafreundlicher Treibstoff in Europa und Nordamerika
verfeuert wird.
Entwaldung bleibt im wahrsten Sinne des Wortes ein brennendes
globales Problem. Umso erfreulicher, dass in letzter Zeit aus den
verschiedensten Gegenden der Welt gute Nachrichten über ein
verstärktes Baumwachstum bekannt werden. Teilweise aus
Regionen, wo man es am wenigsten erwartet hätte, zum Beispiel
der Sahara. Die Sahel-Region am Südrand der großen
Wüste wird immer grüner. Satellitenbilder, Flugbilder und
Fotos, die über Jahrzehnte die Vegetationsentwicklung
dokumentieren, zeigen ein Vorrücken von Büschen und
Bäumen nach Norden. Gazellen und andere Wildtiere kommen
zurück, sogar Frösche.
„Die Nomaden erzählen, sie hätten noch nie so viel
Regen erlebt wie in den letzten Jahren“, berichtet Stefan
Kröpelin, Klimawissenschaftler an der Forschungsstelle Afrika
der Universität Köln. „An Orten, wo es vor 20
Jahren nur Sand und Geröll gab, wachsen jetzt Akazien und
andere Bäume“, berichtet er. Und das ist nicht nur dort
so, wo Dorfbewohner und Entwicklungshelfer aufforsten, sondern auch
in völlig menschenleeren Gegenden. „Leider“, sagt
Kröpelin, „wird die Vegetation vielerorts durch
Überweidung wieder zerstört. Wenn die Bevölkerung
nicht so rasant wachsen würde, wäre dort bereits eine
richtig grüne Landschaft.“
Ergeschichtliche Vorbilder
Vor 12.000 Jahren war die Sahara eine fruchtbare Savanne.
Kröpelin und andere Wissenschaftler nehmen an, dass der
Klimawandel die Wüste ergrünen lässt. Weil die
globale Durchschnittstemperatur im 20. Jahrhundert um 0,7 Grad
gestiegen ist, nahm die Verdunstung über den Meeren zu. Die
Luft in der Wüste wird feuchter, Samen können keimen.
„Ähnliche Entwicklungen“, so Kröpelin,
„werden auch aus der Namib und anderen Wüsten der Welt
berichtet.“
Doch nicht nur aus den Wüsten: Die erste globale Analyse
über Baumgrenzen, die kürzlich in dem
Wissenschaftsjournal „Ecology Letters“
veröffentlicht wurde, dokumentiert eine weltweite Ausdehnung
der Wälder. Von 166 untersuchten Waldgebieten schrumpften nur
zwei. Mehr als die Hälfte dehnte sich aus. Auch die Autoren
dieser Studie führen das erfreuliche Waldwachstum auf den
Klimawandel zurück. Insbesondere durch mildere Winter
verschiebt sich die Baumgrenze nach Norden, und Wälder
gedeihen in Hochgebirgslagen, in denen sie vorher nicht existieren
konnten.