Neue Amazonien-Entwaldungszahlen
2. September, 2009
Weniger Regenwald abgeholzt
(AP) - Die Abholzung des für das Weltklima überaus
wichtigen Amazonas-Regenwaldes hat sich nach Angaben der
brasilianischen Regierung verlangsamt. In den vergangenen
zwölf Monaten verlangsamte sich der Raubbau um 46 Prozent. In
absoluten Zahlen seien 4375 Quadratkilometer Wald zerstört
worden, teilte Umweltminister Carlos Minc am Dienstag mit. Dies
entspricht ungefähr der Fläche der beiden Kantone Waadt
und Neuenburg. Die Regierung beruft sich auf die Auswertung von
Satellitenfotos. Insgesamt würden in diesem Jahr
voraussichtlich 8500 Quadratkilometer Regenwald abholzt, sagte der
Minister weiter. Das wäre der niedrigste Wert der letzten 20
Jahre.
Straßen sind schuld an Regenwald-Zerstörung
Fragmentierung der Wälder führt zum
Biodiversitätsverlust
Von Wolfgang Weitlaner, Pressetext Austria, 1.9.09
Washington DC/Wien - Das beste Mittel, um den Regenwald im Amazonas
vor der Zerstörung zu bewahren, wäre die Zerstörung
aller Straßen, meint einer der führenden brasilianischen
Forscher, Eneas Salati. Auch der US-amerikanische Biologe Thomas
Lovejoy kommt zum Schluss, dass Straßen für tropische
Wälder weltweit Killer sind. Ohne Straßen würden
sowohl die Regenwälder Brasiliens als auch Indonesiens nicht
so schnell verschwinden wie jetzt, berichtet William Laurance von
der James Cook University in Cairns in der Online-Ausgabe des
Wissenschaftsmagazins New Scientist. Weltweit wird pro Minute
Regenwald in der Größe von 50 Fußballfeldern
vernichtet. Betroffen davon sind Tiere und Pflanzen.
Straßen sind der laufende Störfaktor Nummer Eins, kommt
Laurence, der auch am Smithsonian Tropical Research Institute in
Panama tätig ist, zum Schluss. Erst vor kurzem ist der Ausbau
der BR-163 - einer 1.200 Kilometer langen Straße ins Herz des
Amazonas - und der BR-319 - einer 900 Kilometer langen
Straßenverbindung durch bisher unerschlossenen Regenwald -
beschlossen worden. Zudem teilen drei weitere Straßen die
Anden vom Amazonas Richtung Pazifik. Straßennetze in Sumatra
öffnen Holzfällern Tür und Tor. Einer Studie im
Wissenschaftsmagazin Science zufolge sind zwischen 1976 und 2003
rund 52.000 Kilometer Straßen im Kongobecken errichtet
worden. "In einem Artikel, den wir in einer zukünftigen
Ausgabe des Fachmagazins Trends in Ecology and Evolution
präsentieren, sind das nur einige wenige Beispiele, wie neue
Straßenprojekte den Regenwald in Stücke schneiden",
schreibt Laurence.
Die Katastrophe an den Straßen ist, dass sie die komplexe
Struktur des feuchten Waldes mit Dunkelheit am Boden, wo eine
große Zahl endemischer Arten lebt, zerstören. Zahlreiche
Lebewesen meiden veränderte Bedingungen in
Straßennähe und können auch noch so schmale
Straßen nicht überqueren. Dazu kommen noch die Risiken
von Fahrzeugen überfahren oder von Jägern erlegt zu
werden. Diese Fragmentierung des Habitats führt zu einem
Rückgang der Biodiversität und kann auch zum lokalen
Aussterben einzelner Arten führen. Neue Straßen
öffnen auch anderen Aktivitäten wie illegalem
Holzeinschlag, Besiedelung und Landspekulationen Tür und Tor.
Aufgrund der großen Entfernungen ist eine lückenlose
Überwachung nicht möglich. Im brasilianischen Teil des
Amazonas geschehen 95 Prozent der Abholzungen und der
Waldbrände in einer maximalen Entfernung von 50 Kilometern zu
Straßen. Im südamerikanischen Surinam liegen die meisten
illegalen Goldminen in unmittelbarer Nähe zu
Straßen.
Umweltkatastrophen beginnen sehr oft als kleine Einschnitte in den
Wald. Da Regenwälder zumeist in den Entwicklungsländern
sind, ist der wirtschaftliche Druck zur Ausbeutung von
Tropenhölzern, Bodenschätzen und zur landwirtschaftlichen
Nutzung sehr groß. Wenn der Weg einmal offen ist, folgt der
legale und illegale Straßenausbau. Ein Beispiel dafür
ist der in den 1970er Jahren gebaute Belem-Brasilia-Highway, der
zum weiteren Ausbau von 400 Kilometern Straßen im Ostamazonas
geführt hat. Zudem bedrohen Straßen das Leben der
indigenen Völker - vor allem jenen, die versuchen in
spärlichen Kontakt mit der Außenwelt zu treten. So
protestieren etwa indigene Völker im peruanischen Amazonas
gegen den weiteren Bau von Straßen und Pipelines in ihrem
Gebiet.
Die WWF-Regenwald-Expertin Martina Glanzl gibt im
pressetext-Interview Laurance Recht. "Das ist in der Tat ein
großes Problem. Allerdings wissen wir, dass wir das nicht
ändern können", so Glanzl. Das bedeute, dass der WWF
bemüht sei, die Auswirkungen des Straßenbaus, der einem
gesamtkontinentalen Konzept zur Erschließung der Länder
dient, einzudämmen. "Dazu gehört etwa die Stärkung
der Rechte der indigenen Bevölkerung inklusive der Sicherung
ihrer Landrechte", so die Expertin. Es gehe darum, Maßnahmen
und Ideen in Absprache mit der lokalen Bevölkerung zu treffen.
"In Brasilien gibt es extrem arme Menschen, die sich entlang von
neu errichteten Straßen ansiedeln und damit auch zur
Zerstörung des Regenwaldes beitragen." Eine Lösung
solcher Probleme könne es nur geben, wenn man mit der
Regierung gemeinsam Lobbyarbeit leistet, so Glanzel
abschließend.
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