Palmöl in Amazonien
Ökologische Wüsten statt Dschungel
Weil Palmöl lukrativ ist, soll der brasilianische
Regenwald den Ölpalmen weichen. Das könnte dramatische
Folgen haben.
Von Daniel Lingenhöhl, Süddeutsche Zeitung,
24.8.09
Naturschützer haben es schon lange befürchtet: Im
südamerikanischen Amazonasgebiet sollen bald in großem
Maßstab Ölpalmen angebaut werden. "Palmöl ist unser
grünes Erdöl", sagt beispielsweise der brasilianische
Senator Flexa Ribeiro.
Der Politiker treibt Änderungen in den Waldschutzgesetzen des
Landes voran, die den Anbau der Ölpalme erleichtern sollen.
Aus dem Fleisch ihrer Früchte wird Palmöl gewonnen, das
zum Kochen, in Kosmetika und als Kraftstoff zur Stromerzeugung
eingesetzt wird. Der Anbau lohnt sich: Eine Tonne Palmöl
kostet derzeit etwa 320 Euro, zu Hochzeiten waren es sogar knapp
700 Euro.
Bislang dürfen Landbesitzer in Brasilien nur 20 Prozent ihrer
Ländereien roden. Nun soll die Abholzung eines weiteren
Drittels erlaubt werden, sofern die Flächen anschließend
mit Ölpalmen oder Eukalyptusbäumen bepflanzt
werden.
Die Auswirkungen für die Artenvielfalt und den Klimaschutz
könnten nach Einschätzung von Umweltschützern
dramatisch sein: "Palmöl-Plantagen sind ökologische
Wüsten, in denen nur wenige Tiere überleben", sagt
William Laurance vom Smithsonian Tropical Research Institute in
Panama.
Das zeigt auch die Entwicklung auf der Insel Borneo, wo nach einem
aktuellen Bericht der Naturschutzorganisation WWF jedes Jahr
tropischer Regenwald auf einer Fläche halb so groß wie
Mecklenburg-Vorpommern abgeholzt wird - hauptsächlich um
Plantagen für Ölpalmen zu errichten. Bis zum Jahr 2020
ist der Regenwald nach den Berechnungen der Umweltschützer
wohl verschwunden und mit ihm die etwa 50.000 Orang-Utans, die
heute noch dort leben.
"Ölpalmen speichern sehr viel weniger Kohlenstoff als intakter
Regenwald", sagt Laurance. Netto trage die Umwandlung von Urwald in
Plantagen also zur Erderwärmung bei. David Tilman von der
Universität von Minnesota in St. Paul teilt diese
Einschätzung: "Nach unseren Berechnungen schneidet Palmöl
aus Südostasien, aber auch Treibstoff aus brasilianischem Soja
miserabel ab."
Enorme Mengen von Kohlendioxid
Das Abbrennen der ursprünglichen Vegetation setze enorme
Mengen von Kohlendioxid frei. Erst nach 423 beziehungsweise 319
Jahren ununterbrochener Spritproduktion auf den ehemaligen
Waldflächen sei die Kohlendioxid-Bilanz wieder
ausgeglichen.
Fast die Hälfte Amazoniens sei für den Anbau von
Ölpalmen geeignet, schätzt Laurance. Brasilien
verfüge mit einer potentiellen Anbaufläche von 2,3
Millionen Quadratkilometern über die weitaus
größten Landreserven für dieses Geschäft. Noch
spielt Palmöl eine untergeordnete Rolle in Brasilien, die
Jahresproduktion liegt nur bei etwa 190.000 Tonnen - in Indonesien
sind es 22 Millionen Tonnen.
Bislang setzt das Land vor allem auf Zuckerrohr und den daraus
gewonnenen Alkohol als Energiequelle. Weltweit hat jedoch
Palmöl eine größere Bedeutung. In Europa werden
ganze Heizkraftwerke damit betrieben.
Da die Landpreise in Brasilien und anderen Teilen Südamerikas
deutlich unter jenen in Südostasien liegen, wecken die
riesigen Flächen im Amazonasbecken Begehrlichkeiten:
"Malaysische Unternehmen drängen massiv mit Geld und
Technologie in diese Region", hat Laurance beobachtet. Der
brasilianische Zweig der niederländischen Rabobank wirbt um
entsprechende malaysische Investoren.
Erste Interessenten gibt es bereits: Zusammen mit dem heimischen
Unternehmen Braspalma wollte die malaysische Federal Land
Development Authority (Felda) auf 100.000 Hektar
Palmöl-Plantagen mitten im Amazonasbecken errichten. Die Ernte
sollte vor Ort gleich zu Agrardiesel weiterverarbeitet werden. Nach
heftigen internationalen Protesten legte die Felda ihre Pläne
zwar vorerst auf Eis.
Doch andere Unternehmen verfolgen das Ziel weiter: Die kanadische
Firma Biopalma etwa möchte auf mehreren zehntausend Hektar im
Regenwald von Pará Ölpalmen pflanzen; die
brasilianische Agropalma hat im gleichen Bundesstaat bereits ein
Drittel ihrer Ländereien abgeholzt, um Plantagen
anzulegen.
Pflanzung durch Steuererleichterungen
fördern
Neben Amazonien haben die Firmen auch den Choco im Visier - ein
extrem feuchtes und artenreiches Regenwaldgebiet entlang der
ecuadorianischen und kolumbianischen Pazifikküste: Die
Landpreise dort sind sehr niedrig, weil die Region als unsicher
gilt und sehr feucht sowie dicht bewaldet ist. Um den Choco zu
entwickeln, fördert Kolumbien die Pflanzung von Ölpalmen
durch Steuererleichterungen.
Brodie Ferguson von der Stanford-Universität in Palo Alto,
Kalifornien, hat den Wandel der Landnutzung an Ort und Stelle
untersucht. In den vergangenen Jahren hat der Wissenschaftler
beobachtet, wie sich die Plantagen auf Kosten des einmaligen
Ökosystems ausdehnten. In Ecuador sind sie mittlerweile einer
der wichtigsten Gründe für die Abholzung des Choco.
Das Hauptaugenmerk der Unternehmen liegt aber auf Brasilien. In
Amazonien könnten Ölpalmen auf ehemaligen Viehweiden oder
Sojaäckern angepflanzt werden, argumentieren brasilianische
Regierungsstellen. Dafür müssten keine Bäume
gefällt werden. Laurance bezweifelt, dass es dabei bleiben
wird: "Am lukrativsten ist es, Wald für die Ölpalmen zu
roden", sagt er. Mit den Profiten aus dem Holzverkauf ließen
sich die aufwendig zu errichtenden und erst nach drei bis fünf
Jahren ertragreichen Palmöl-Plantagen am einfachsten
finanzieren.
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